MSL-Klettern im Gesäuse – Ein unvergessliches Erlebnis: Herbst/Scholz am Kalbling (rund 350m, 10 SL, 4+)
Fast 100 Jahre nach der Erstbegehung der Route Herbst/Scholz am Kalbling wagten wir uns in ihre Fußstapfen. Die alpine Route beeindruckt nicht nur durch ihre Geschichte, sondern auch durch ihre ausgesetzte Kletterei an einer hohen Wand. Herbst und Scholz waren 1924 mit spartanischer Ausrüstung unterwegs – wir hingegen mit modernem Equipment. Ihr Mut verdient Respekt.
Diese als klassisch beschriebene Tour in festem Felsen hatte uns ins Gesäuse gelockt und wir wurden nicht enttäuscht: Eine große Westwand, tolle Kletterei im alpinen Ambiente und ein Gipfelkreuz gibt es auch noch.
Klettern im Gesäuse
Die Idee für die Tour entstand beim Blättern im Kletterführer. Die Herbst/Scholz mit sieben Seillängen (250 m, 4+) sowie drei leichteren weiteren Seillängen bis zum Gipfelkreuz klang nach einer perfekten Herausforderung.
Den Kletterführer hatten wir an einem regnerischen Tag beim Überwettern in einem Grazer Outdoorladen entdeckt:
Der Gesäuse-Kletterführer ist ein hilfreiches Meisterwerk, wenn auch unhandlich wie ein Ziegelstein.

Klettern der Herbst/Scholz – Rahmenbedingungen
Die Route ist im „Kletterführer Gesäuse“ von Jürgen Reinmüller und Andreas Hollinger, herausgegeben vom Alpinen Rettungsdienst Gesäuse, beschrieben.
Die mit 4+ angegebene Schwierigkeit der am 16.07.1924 erstbegangenen Route passt: Meist bewegt man sich im 3. und 4. Schwierigkeitsgrad.
Angegeben sind im Kletterführer 250 Klettermeter, die sich auf sieben Seillängen bis zum Schwierigkeitsgrad 4+ verteilen. Danach sollen sich noch drei Seillängen bis maximal 3. Schwierigkeitsgrad anschließen, um den Gipfel zu erreichen. Insgesamt kommt man so auf rund 350 Klettermeter.
Die Absicherung mit gebohrten Ständen, einigen Zwischensicherungen (Normal- und Bohrhaken) ließ sich gut durch mobile Sicherungen ergänzen und war besser als ich es erwartet hatte. Mit einem 60-Meter-Seil oder 60-Meter-Doppelseilen ist man gut ausgestattet.
Durch die hohe Westwand des Kalblings ziehen sich viele Routen, die sich teilweise die Stände teilen.

Startpunkt ist der Parkplatz an der (Oberst-)Klinke-Hütte, erreichbar über eine Mautstraße. Von dort rückt die majestätische Westwand immer näher, ein beeindruckender Anblick. Der Zustieg dauerte für uns rund 90 Minuten – immer wieder hielten wir inne, um die markante Wand zu bestaunen.
Insgesamt entpuppte sich die angekündigte Halbtagestour für uns als Tagestour – wir hatten es aber auch so geplant.
Die Kletterei
Mit dem Topo auf dem Handy fanden wir leicht den Einstieg. Zu unserer Überraschung war keine weitere Seilschaft in der Wand, obwohl die Route als „beliebt“ gilt.
Die erste Seillänge gehörte mir und mit Respekt und vor der großen Wand stieg ich ein. Griffe, Tritte und Positionen für meine mobilen Sicherungsgeräte – alles fügte sich gut.

Über alle Seillängen hat sich das gut aufgelöst und insgesamt habe ich in diesem alpinen Klassiker Herbst/Scholz deutlich weniger zusätzliche Sicherungen gelegt als ich erwartet hatte. Die wenigen Haken steckten an den richtigen Stellen.
Durch das Klettern in Wechselführung gehörte mir wieder die dritten Seillänge. Bereits die ersten Meter fühlten sich deutlich schwerer an als 4+. Zwei dicht beieinander liegende Haken signalisierten bereits, hier könnte es schwer werden. Wir tauschten die Rollen.
Achim stieg ein und fand einen Weg nach oben, aber es wurde klar: Wir waren einer falschen Fährte gefolgt und hatten uns weg von unserer Route bewegt. Glücklicherweise fand er den Stand einer anderen Route und nach einer Korrektur über einen leichten Quergang kamen wir zurück in die Herbst/Scholz.
Tipp für Wiederholer: Der Stand der zweiten Seillänge befindet sich links auf einem Band, nicht direkt unterhalb der ersten sichtbaren Haken.
Am Stand der siebten Seillänge, dem eigentlichen Zielpunkt der Herbst/Scholz, setzte Nieselregen ein. Die letzten drei Seillängen führten uns über feuchten Felsen zum Gipfel.
Wir folgten dabei aufmerksam den wenigen vorhandenen Sicherungspunkten und erreichten schließlich glücklich das Gipfelkreuz. Trotz der Wolken empfing uns ein spektakulärer Ausblick.

Eine kurze Pause später, natürlich mit Eintrag ins Gipfelbuch, stiegen wir ab. Einige Gämse säumten unseren Weg.
Fazit: Große Bergfahrt am Kalbling
Die Herbst/Scholz-Route ist ein lohnendes Kletterabenteuer im Gesäuse, dass mit einem tollen Gipfelerlebnis belohnt. Einfach große Bergfahrt!
Trotz kleinerer Herausforderungen wie dem Verhauer und dem Nieselregen war es eine intensive und beeindruckende Tour – man hat an einem kleinen Stück Klettergeschichte teil.
Wer sich auf klassische Kletterei mit anspruchsvoller Wegfindung einlässt, wird hier garantiert nicht enttäuscht.

